Dieses Jahr am 8. April der erste Start beim Berliner Halbmarathon überhaupt, eine der größten Laufveranstaltungen in Deutschland überhaupt mit 36.000 Startern quer durch die Berliner Innenstadt, mit vielen Sehenswürdigkeiten unterwegs, für die man aber im Rennen nicht viele Blicke übrig hat.

Die Vorbereitung verlief leider suboptimal. Im März setzte mich eine stärkere Erkältung eine Woche lang außer Gefecht. Nachdem diese auskuriert war, hatte ich leichte Probleme mit meinem linken Fuß.

Entsprechend skeptisch fuhr ich nach Berlin. Ich hoffte zwar noch, mit etwas Glück meine persönliche Bestzeit über die Halbmarathondistanz aus dem Jahr 2016, die bei rund 1:31:30 h lag, einzustellen oder marginal zu verbessern, mit einer 1:30 oder gar 1:29 rechnete ich jedoch nicht mehr. Auch mit einer Zeit zwischen 1:33 und 1:35 hätte ich nach der Vorbereitung zufrieden sein müssen.

 

Das letzte Intervalltraining am Mittwoch lief gut, am Donnerstag planmäßig Laufpause gemacht, aber am Donnerstagabend fing der Ärger mit dem Fuß wieder an. Daher Freitag nochmal Pause, aber es wurde nicht wesentlich besser. Dennoch Samstag los nach Berlin gefahren und vorsorglich den Medical Service des Veranstalters auf dem früheren Flughafen Tempelhof aufgesucht, wo es auch die Startunterlagen gab. Der gab erst mal Entwarnung. Zwar ohne Röntgen keine 100 % Aussage, aber für Ermüdungsbruch o.ä. spreche nichts. Ich solle starten, wenn ich Schmerzen bekomme, aufhören.

Der Arzt rief den Physio hinzu, einen alten Haudegen mit Oberarmen wie ein Ringer, der hatte die Idee, es könne vom Rücken kommen, machte mir dort ein Kinesiotape und ... die Probleme waren schlagartig weg. SUPER! Das machte Hoffnung für den Lauf.

Nach dem Aufwachen morgens im Hotel war der Fuß völlig schmerzfrei, ich war nervös (bei mir ein gutes Zeichen), ich wollte etwas riskieren, wusste aber nicht, was geht. Wann hat man schon mal die Chance, bei so einem schnellen Lauf zu starten, keine 100 Höhenmeter insgesamt (gerade mal zwei Brücken über die Spree), bis auf ein paar kurze Kopfsteinpflasterpassagen bester Asphalt, kaum Wind.

Unglaublich die Menschenmengen vor dem Start, hohe Sicherheitsstufe, überall Polizei mit umgehängten Maschinenpistolen und Bleiwesten, die ganze Straße vom Alex bis runter zum Straußberger Platz war voller Menschen. Aufgrund meiner Vorlaufzeit von 1:31 landete ich im zweitbesten Startblock, die Mitläufer entsprachen dem Klischee, fast nur dünne Läuferfiguren mit BMI um die 20 in dünnen Hemdchen. Das Wetter war fast frühsommerlich, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, fast schon zu warm für einen schnellen Lauf.

Nach dem Start pegelte ich mich bei einer Pace von 4:15 bis 4:20 ein (13.8-14 km/h) und war erstaunt, wie wenig mich das anstrengte, schien ein guter Tag zu werden. Ich wußte, für 1:31 musste ich im Schnitt 13.9 km/h laufen, für 1:30 rund 14.1 km/h und für 1:29 ca 14.25 km/h.

Beim Start stand ich fast genau neben dem Paceläufer des Veranstalters für die Endzeit von 1:30 h, ich verlor ihn im Startgetümmel dann aber aus den Augen, er war hinter mir. Bei km 4 kam er dann mit riesen Pulk um ihm, „mmmhhh mitlaufen? Der ist doch zu schnell, oder? Naja probier's mal, aber keine Brechstange, wenn sie zu schnell sind, sind sie zu schnell, kein Harakiri“.

Wie erwartet zog er davon, aber nur wenig, so konstant 30-50 m vor mir blieb er. Er war ca 1-2 sec pro km schneller. Da ich mich gut fühlte dachte ich: “okay, das kannste riskieren“ und lief sein Tempo. Nach 5 km, zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, eine 22 er Zeit und das mit leichter Handbremse: prima, läuft!

In der Folge passierte genau das Gegenteil, was ich erwartete. Ich lief an die Gruppe mit den Paceläufer langsam, aber kontinuierlich wieder ran. Bei km 9.5 am Charlottenburger Schloss, war ich wieder direkt bei der Musik und fühlte mich blendend. Es kamen erste Gedanken: „alter Mann, das könnte heute dein Tag werden“. Auch die Garmin Uhr war ähnlicher Ansicht und piepte fröhlich eine +5 bei der Tagesform.


Es kam km 10 und die Uhr zeigte 43 min. Das war mal persönliche Bestzeit über diese Strecke, so anno 2014-15, da kamen aber keine 10 km mehr nach. Ich traute dem Frieden nicht. Zwar atmete ich entspannt wie bei einem lockeren DL, der Puls war unter Schwelle, aber dennoch: kein Risiko vor km 18, kein Selbstabschuss.


Wir kamen auf den Kuh‘ damm, die Kilometer Marken 13 und 14 gingen vorbei, der Paceläufer wurden subjektiv immer langsamer und Ich? Ich zögerte. War die 1:29 heute doch drin? Bin ich wirklich schneller als die Läufer um mich herum? Hält der Fuß? Habe ich die Puste, um das höhere Tempo bis zum Ziel durchzulaufen?

Irgendwann am Ende des Kudamm, kurz hinter dem KaDeWe nahm ich mein Herz in beide Hände. Ich hängte mich an einen von hinten heran laufenden Chilenen, der mit nacktem Oberkörper, aber um den Hals verknoteter Fahne lief, sagte meinen Mitläufern kurz „Tschüss, ich mach mal los“ und sollte sie bis zum Ziel nicht wieder sehen.
Der Chilene lief eine Pace von 4:10 min/km, also fast 14.5 km/h, das war subjektiv immer noch nicht Anschlag, aber es war schon ein gutes Stück härter. Wir zogen von dannen, am Potsdamer Platz, am Bundesrat und am Bundesfinanzministerium vorbei, immer noch keine Anschlagsgefühle, Krampfansätze oder ähnliches.

So bei km 18 war ich mir sicher, das klappt heute mit der Zeit von 1:29. Etwa 1 km vor dem Ziel beschleunigte ich dann auf „full Speed“ lief, die Pace Anzeige der Uhr zeigte dann sogar eine 3 als erste Ziffer.

Es kam die Zielgerade, jetzt war ich wirklich im „roten Bereich“, aber das sind nur noch 200m. Als ich ins Ziel lief, sprang die Bruttoanzeige der Veranstalteruhr kurz vorher auf 1:30 um, da wusste ich, dass es geklappt hat, denn ich stand im Startblock B und hatte gut eine Minute Spielraum bei der Nettozeit. Endzeit: 1:29:20, großes Kino, die zweite Schallmauer nach dem 10er in 39 min letztes Jahr ist geknackt.

Die Zahlen zu meinem Lauf: die ersten 5 km lief ich in in 21:48 min, dann kamen 20:59, 21:13, 20:59 und die abschließenden 1.1 km in 4:20, das war eine Pace von 3:53 (= 15,45 km/h).
In meiner Altersklasse wurde ich 58. von rund 2.100 Finishern, wobei man an den Ergebnislisten sehen kann, wie international besetzt der Lauf ist. In der AK 50 waren auf den ersten 10 Plätzen nur ein Deutscher, dafür 3 Dänen, 4 Norweger, ein Engländer und ein Israeli, bevor auf Rang 11 erst der zweite Deutsche folgte. In der Gesamtwertung der Männer landete ich auf Platz 880 von rund 16.000 Männern gesamt.

Wolfgang Kölsch

   

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