Mein erster Ultramarathonlauf

Nach Hannover Marathon, Rennsteigmarathon und Rennsteigstaffellauf suchte ich noch nach einem würdigen Abschluss für das erste Halbjahr. Es war nicht alles gelungen wie erhofft, aber es war auch kein schlechtes Halbjahr. Denoch - so ein richtiger Knaller fehlte noch. Ich schaute mich in den Kalendern um und entdeckten den Thüringen Ultra, einer der renommiertesten Ultraläufe in D. Die ganzen 100 km, also die Einzeldistanz, war unrealistisch, aber es gab auch noch 2er und 4er Staffeln. Günstig gelegen (Fröttstedt ist keine 40 km weg), guter Termin, Startgeld erträglich, das sah gut aus. Nur wen fragen? Drei Bekannte, die ich fragte, winkten ab. Über einen anderen Bekannten fand ich die Teilnehmerbörse und schrieb mich dort als potentieller Staffelteilnehmer ein. Keine 2 Tage später meldete sich Gerd und fragte an wegen 4er Staffel.ERste Etappe, Start 5:00h, 28 km mit gut 800 Höhenmeter sind schon anspruchsvoll, aber das bekomme ich hin. Zudem war mir der Hauptanstieg der Strecke von Ruhla hoch zum Rennsteig von einem früheren Rennradmarathon bekannt, eine harte Nuss, aber nicht unlösbar. Nach 24 h Bedenkzeit sagte ich zu. Die anderen Staffelteilnehmer waren mir zwar nicht bekannt, aber meinen Teil musste ich eh alleine laufen und die Angabe meiner Laufzeiten in diesem Jahr klangen für die anderen eher zu schnell als zu langsam. Da musste ich zumindest keine Angst haben, dass ich der langsamste bin und Ambitionen bei der Gesamtplatzierung hatte ich keine beim Erstversuch mit lauter Unbekannten. Als Vorbereitung knallte ich noch die 13,5 km in Creuzburg in knapp über 1 h raus, bei “nur” 28 km eine Woche später muss ich mich ja nicht schonen. Nach der Schwächeperiode im Mai stimmte die Form wieder, ich war guter Dinge und wollte die 28 km im Marathontempo laufen, da konnte eigentlich nicht viel schief gehen, trotz der Höhenmeter.  Auch unter der Woche trainierte ich noch normal nach Plan, schonen kann ich mich dann ja ab nächster Woche, da ist dann Wettkampfpause bis Ende August. Plötzlich klingelte unter der Woche das Handy. Esther, eine der Staffelläufer bekam massive gesundheitliche Probleme und ein Start wäre unverantwortlich gewesen. Was tun?  Gerd wollte als Männerstaffel über 2x50 km zu starten. Ich sollte die Staffel anlaufen und er sie ab Floh Seligenthal zu Ende bringen. Er erreichte mich in der Mittagspause, ich war am dem Tag ohnehin schräg drauf und keine 2 h später sagte ich ohne groß nachzudenken zu. Der zweite Teil ist ja entlang des Rennsteigs, am Ende geht es runter nach Floh und wer 43 km laufen kann (Rennsteiglauf), kann auch 50 laufen. 

Am Abend setzte ich mich an den Rechner, betrachtete mir die zweite Etappe und erst da wurde mir bewußt, was ich zugesagt hatte. Es waren nicht nur 50, sondern 54 km (real sogar 55), von wegen entlang Rennsteig, erst ging es nach der Ruhlaer Skihütte  runter fast bis nach Brotterode, dann wieder hoch zum Inselsberg und danach über eine weitere Welle nach Kleinschmalkalden. Erst ab da ging es bergab nach Floh. Das waren nicht nur 200-300 zusätzlich Höhenmeter, sondern noch mal über 500 zu den 800 des ersten Abschnitts. Aber zugesagt ist zugesagt, da komme ich nicht mehr raus. Ich stoppte dann zwar das Training und schonte mich ab Mittwoch, aber den Lauf in Creuzburg und die Einheiten davor konnte ich nicht mehr rückgängig machen. Nach dem Viertelfinale gegen Frankreich fuhr ich mit einem mulmigen Gefühl nach Fröttstedt. Meine bislang 4 Marathons hatte ich akribisch geplant mit Trainingsplan, Taperingphase und allem drum und dran, und hier will ich mal eben 13 km mehr als die Marathondistanz laufen , ohne spezielle Vorbereitung, aus dem vollen Training heraus - Risiko pur! Gesundheitlich passieren kann da zwar nichts, dafür läuft man lange Strecken zu “niedrig-pulsig”, aber wenn ich versage und abbrechen muss, ist die ganze Staffel im Eimer. Beim Rennsteiglauf hatte ich nach 35 km Krämpfe, hoffentlich passiert mir das nicht wieder. Außerdem zwickte so ein bisschen das linke Knie, ich wusste nicht, ob das nur Nervosität oder ein Problemchen war, das sich im Laufe der Strecke vielleicht zu einem richtige Problem auswächst. Ich schlief schlecht, war schon 3:30 h wach und schaute mir den Start der Einzelläufer um 4:00 h an. Ich versuchte mir, mit autogenem Training “langsam laufen”, “langsam laufen” usw. einzutrichtern, um nur nicht zu überpacen. Mein Teamkollege Gerd war ein alter, routinierter Läufer mit mehreren 100 km Läufen in den Beinen, der konnte das bestimmt ohne Nachzudenken. Erst später am Tag erfuhr ich, dass auch er immer mal wieder Probleme mit der richtigen Pace hatte. Der Startschuss kam und vorne gingen sie los wie die Feuerwehr. Das autogene Training hatte geholfen, ich lief auf dem Flachstück zu Beginn eine 5:30 (min/km), nicht schnell aber auch nicht zu langsam. Nach 10 km begannen dann die Anstiege zum Thüringer Wald. Meine Mitläuferin vom Frauenteam Hainichläufer, mit der ich bis dahin unterwegs war, nahm eine “Toilettenpause”, von der ich mir nachträglich nicht sicher bin, ob es nichtin erster Linie eine taktische Pause war, um danach alleine langsamer weiter zu laufen. Denn sie war danach erst mal nicht mehr zu sehen. In diesem Abschnitt bin ich rückblickend betrachtet vermutlich zu schnell gelaufen, das sagt mir die Auswertung meines Pulsmessers. Ich hätte bei diesem Teilstück noch mehr Tempo herausnehmen sollen und meine Kräfte schonen. Ich lag zu diesem Zeitpunkt, was ich nicht wusste, auf dem 4. Platz bei den Männerstaffeln und habe vermutlich ein bisschen zuviel riskiert- trotz aller Vorsätze, aber da fehlt mir einfach noch die Erfahrung bei solchen Streckenlängen. Den ersten Einzelstarter, der eine volle Stunde vor mir gestartet war, holte ich schon bei km 8 ein, etwa ab km 15 war ich mitten im hinteren Drittel der Einzelkonkurrenz. ich fühlte mich gut, das Knie war (und blieb) völlig beschwerdefrei und die Beine liefen. Bei km 27 war der erste Treff mit den anderen Teamkollegen, hier sollte eigentlich mein Wechsel sein, so war es gerade Halbzeit. Noch lief es gut, aber ich merkte, dass der Anstieg von Ruhla doch ziemlich Kraft gekostet hatte und die Höhenmeter sich in den Beinen summierten. Etwa bei km 35 war ein weiterer Treffpunkt mit Verpflegungsstelle. Nun spürte ich meine Beine schon deutlich, noch nicht schmerzhaft, aber sie waren müde, vermutlich auch von der fehlenden Schonung in den Tagen zuvor. Ab den Anstiegen lief ich bis km 30-35 eine Zeit von knapp über 60 min pro 10 km, für Flachstrecke wäre das langsam, aber hier, bei dem Profil,  war das noch ziemlich gut und vermutlich zu schnell. Am Anstieg zum Inselsberg kam die Läuferin vom Anfang wieder, dieses Mal hatte ich keine Chance mehr, ihr zu folgen, sie lief, ich ging (überwiegend). Der Anstieg zum kleinen Inselsberg ist eine fiese Wand, zudem noch ohne großen Schutz durch Bäume und die Sonne brannte von oben. Bei km 40 war der Inselsberg erreicht, ich fühlte mich schlapp, aber noch ging es irgendwie. Während ich vorher die Einzelstarter stehen lies, war ich jetzt froh, wenn ich das Tempo von ihnen halten konnte. Nach der Grenzwiese kam recht bald die virtuelle Marathonmarkierung, 42.2 km auf der Uhr. Ich hatte eine Laufzeit von 4:45 h, eine wirklich ordentliche Zwischenzeit bei dieser Strecke mit diesem Profli,  das laufen andere beim Rennsteiglauf. und  machen dann  Schluss. Aber allein die Vorstellung, dass jetzt noch 12,x km folgen, erschreckte mich schon ziemlich. Ich hatte zwar dieses Mal keine Krämpfe, aber unterhalb der Hüfte tat so ziemlich alles weh, Oberschenkel, Waden, Fusssohlen... Ein letzter Treffpunkt mit dem Teamkollegen bei km 45, jetzt waren es noch 10… Entgegen meiner Vorstellung vom Höhenprofil ging es danach nicht bergab, sondern gute 3 km bergauf. Laufen bergauf ging nicht mehr, also bin ich gegangen. Als es dann wieder bergab ging, kamen zwei andere Zweierstaffeln und überholten mich. So ein Mist, ich hätte gerne den guten (wie ich jetzt weiss: 4.) Platz gehalten, aber die waren einfach zu schnell für mich, das konnte ich nicht mehr mitlaufen.  Ich entwickelte notgedrungen eine 100:1 Lauftaktik: 100 m gehen, dann 1 km laufen, dann wieder 100 m gehen, 1 km laufen ….  Schnell war das nicht, aber ich kam voran und die Beschwerden wurden in den Gehpausen doch weniger. 5 km vor dem Ziel dann der letzte Getränkepunkt. Am liebsten hätte ich mich irgendwo auf die Wiese gelegt, aber das ging nicht, die anderen warteten auf mich. Weiter, weiter, immer weiter…. Für die letzten 10 km habe ich 90 min gebraucht, eine eigentlich völlig indiskutable Zeit, da ist mancher Walker schneller, aber es mehr war nicht drin. Von überholenden Mitläufern aus der Einzelkonkurrenz wurde ich angesprochen, ob alles okay wäre, ich muss daher ziemlich mitleidserregend ausgesehen haben, aber ich wollte kein Mitleid, sondern ankommen. Irgendwann war endlich das Stadion in Floh erst zu hören, dann zu sehen und dann war es nach rund 6 h 12 min geschafft Erst im Ziel ereilten mich dann die Wadenkrämpfe, aber die konnten relativ schnell wieder von Esther herausgedrückt werden. Im Anschluss daran lief Gerd,  der auch seine Probleme mit der Pace hatte, aber unseren Platz halten konnte. Sein Fazit: “Wir hatten die Staffel "Aus der Not geboren" in einer Zeit von 11:54:41 h als 6. Männerstaffel von 10 nach Hause gelaufen! Es war für uns Beide ein hartes Stück Arbeit aber trotzdem irgendwie schön.” Dem schließe ich mich gerne an. Trotz der Quälerei hat es Spass gemacht und ich bin dort vermutlich nicht zum letzten Mal am Start gewesen.

Wolfgang