Grenzgänger 2008 am 01.11.2008 in Sülzhayn – Andos Grenzerfahrungen

In diesem Jahr hatte unser Team 5 Einzelstarter und einen Teamfahrer am Start des ultraharten 12 Stunden Rennens am Start.


Ich startete als Einzelfahrer und wollte dieses Rennen als Test für mich und die Herausforderungen nehmen, die sich im letzten Jahr stellten, Familie, Beruf und Sport unter einen Hut zu bringen. Denn nach einer langen Trainingspause, begann ich erst Ende Juni sporadisch mit dem Training und habe mein Training den familiären Anforderungen angepasst.

Das persönliche Trainingspensum wird oft als kleines Geheimnis gehütet und vom Trainingsumfang und –methoden wird nicht gern viel erzählt. Bei mir stellte sich das Bild so dar, wenig Radkilometer in den Beinen kombiniert mit ein paar Laufkilometern – eigentlich keine gute Grundlage. Doch neben der physischen Vorbereitung ist die Psyche bei so langen Rennen nicht zu unterschätzen – wie sich auch diesmal herausstellen sollte – doch dazu später mehr.

Viele, die noch nie solo ein 12 Stunden Rennen gefahren sind, fragen sich, wie viel sollte ich trainieren, um das durchzustehen?

 Hier erstmal meine Trainingsumfänge seit Juli 2008:

 

Juli

Aug

Sept

Okt

Rennrad/MTB-km

900

350

150

1000

Dauer in Stunden

35

15

5

36

Lauf-km

120

90

70

20

Dauer in Stunden

12

9

7

2


Nicht so berauschend, ich weiß. Und ob es ausreichen sollte, 12 Stunden im Sattel durchzuhalten?

Mit dieser dünnen Basis packte ich also meine Sachen und machte mich Freitag nach der Arbeit auf den Weg – 400 km waren in 4 Stunden abgerissen und ich war gegen 21.30 Uhr  vor Ort. Am nächsten Morgen ging es 8:00 Uhr für 49 Einzelstarter und 26 Teams auf die Strecke. Die äußeren Bedingungen waren typisch für diese Jahreszeit. Temperaturen knapp über Null, leichter Hochnebel aber trocken. Die Strecke war durch die Niederschläge der letzten Tage aufgeweicht und „very juicy“, in den Höhenlagen lag am Rand noch etwas Schnee von den Vortagen, der Streckenverlauf war unverändert – wie letztes Jahr.

Ich war auf mein Ziel fokussiert, 12 Stunden durchzufahren und dabei mindestens 160 km zu schaffen.

Von 8:00 bis 16.00 durften große Runden (15 km, ca. 500 hm), ab 16:00 Uhr dann kleine Runden (3 km und 100 hm) gefahren werden. Da ich die Strecke bereits kannte, hatte ich mir 9 große Runden vorgenommen – stolze 135 km. Dies setzte einen engen Zeitplan voraus. Ich wollte die Runden in einer durchschnittlichen Zwischenzeit von unter einer Stunde fahren und mir noch ein paar Minuten pro Runde für eine Pause rausfahren.

Die erste und zweite Runde konnte ich in knapp 54 Minuten absolvieren und war optimistisch und konzentriert als ich in der 3. Runde auf eine harte Probe gestellt wurde – 3 Platten in einer Runde – rekordverdächtig im negativen Sinn. Mit dem letzten Platten konnte ich mich gerade so in den Wechselbereich retten und ging mit einem Zeitverlust von 25 Minuten auf die 4. Runde. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich das erste Mal ans Aufhören – „Noch ein Platten und ich werf hin!“

Ich wischte diesen negativen Gedanken zur Seite motivierte mich neu  und richtete den Blick wieder nach vorne – „Fahren bis 20:00 Uhr – deswegen bist DU hier!“ Und die Jungs vom Team waren auch alle auf der Strecke – „Also los, weiter!“

Ich riss auch die 4. Runde in 54 Minuten ab, fühlte mich gut und fuhr gleichmäßig weiter – 5. Runde in 55 Minuten und war wieder im Zeitplan. Doch mir fehlte die Pausenzeit. Nach 6 Stunden und 90 km brauchte ich die erste Pause und verpflegte mich an der sehr guten Verpflegungsstation im Zielbereich. Der Mann mit dem Hammer saß mir schon im Nacken – ich konnte ihn durch ausreichende Kohlenhydratzufuhr noch hinhalten – Essen und vor allem Trinken war bei diesen Bedingungen besonders wichtig – auch wenn es schwer viel. Pro Stunde habe ich einen Liter getrunken und einen Energieriegel oder ein Gel verdrückt. Die langen Anstiege, der Matsch, die lange und sauschnelle Abfahrt zurück nach Sülzhayn kombiniert mit der Kälte laugen Dich sonst aus – und vor allem bergab brauchst Du immer volle Konzentration – keine Fehler!

Ich brauchte ein neues Ziel – 9 Runden waren nicht mehr drin – unmöglich! Also 8 müssen reichen und ich fahre eben ein paar kleine Runden zusätzlich! Und immer der Gedanke – „Weiterfahren!“ Die letzten beiden großen Runden musste ich rausnehmen, es war wie verhext, das Ziel in die Ferne gerückt, machte auch den Körper bockig. „Warte nur  - ich kriege Dich!“. Noch bevor es Dunkel wurde bog ich gegen 16: 45 Uhr auf die kleinen Runden ab, vorher hatte ich noch schnell die Lampen montiert – Pflicht ab 16:00 Uhr.

Den Körper  hatte ich wieder im Griff und richtete meinen Blick  wieder auf mein Ziel   - 160 km. Das bedeutete noch 40km in  knapp 3 Stunden. Klingt nicht viel – war es aber! Ich fuhr die kleinen Runden (3 km) im 3er Rhythmus – 3 Runden fahren – Pause mit Verpflegung im Zielbereich. Die Strecke war trotz Dunkelheit schnell zu fahren – Stirn- und Lenkerlampe waren eine gute Wahl – bergauf im Sparmodus und bergab volle Sonne. Die Beine wurden zwar schwer, aber ich wusste genau, wo die Grenze meiner Belastung lag, kein Watt zuviel treten, sonst gibt’s die ersten Krämpfe.

Dann sah ich im am Streckenrand Norman an seinem Rad montieren – die Kette hatte sich eingeklemmt. Das Problem war schnell beseitigt und wir fuhren die letzten 1,5 Stunden gemeinsam weiter – das gab noch mal Auftrieb, denn am liebsten hätte ich gegen 19:00 Uhr die Segel gestrichen. Wir nutzten das Zeitlimit voll aus, es war 19:57 Uhr als wir in die letzte Runde bogen – diese eine Runde noch zu Ende fahren – 20:08 Uhr – Kilometerstand 162 –endlich im Ziel! Breit wie ne Flunder – doch dieses Glücksgefühl, nach allen Schwierigkeiten und Grenzerfahrungen – überwog die Schmerzen.

Nächstes Jahr wieder – als Einzelstarter mit mindestens 3 Ersatzschläuchen im Gepäck.

 

Andreas Leder