Gettingtough – The Race: schlimmer geht immer!

Relativ kurzfristig hatte ich mich entschieden, am Jahresende nochmal ein Highlight zu setzen und an dem Hindernislauf „Gettingtough – The Race“ teilzunehmen, nach der Eigenwerbung des Veranstalters „Deutschlands härtestes Hindernisrennen“. Sowohl ein befreundeter Kollege aus dem Büro als auch Teamkollege hatten mir die Sache schmackhaft gemacht, das wäre was für mich.

Die reine Laufstrecke betrug 22 km  mit rund 1.000 Höhenmetern – ganz nett, aber für mich kein Drama angesichts des Umstandes, dass ich dieses Jahr Rennsteiglauf, Schneekopflauf, Kernberglauf und Rennsteigherbstlauf, alles bergige Trailläufe mit Streckenlängen von 20 bis 43 km, erfolgreich abgeschlossen habe. Nein, heikel machten die Hindernisse die Geschichte sowie die zu erwartenden äußeren Umstände Anfang Dezember in Rudolstadt, Kälte, Nässe, möglicherweise auch Schnee und Eis. Die heftigen Trailervideos der Vorjahresveranstaltung sowie die martialische, fast paramilitärische Beschreibung der Hindernisse sollten zwar ersichtlich Furcht einflößen, aber Papier und Internetseiten sind geduldig; irgendwie werde ich da schon durch kommen. Ich habe die Anforderungen vielleicht ein wenig unterschätzt – und das war vermutlich auch gut so, ansonsten hätte ich mich nicht angemeldet.

Ich reiste schon am Vortag an und sah mir mit dem Kollegen die Hindernisse an – AU WEIA, das wird ein hartes Ding. Die Beschreibung der Hindernisse hatte eher unter- als übertrieben. Vor allem das Kriechhindernis, eine fast 100 Meter lange Betonröhre mit 4 Segmenten, die man mit meiner Größe nur auf dem Bauch robbend bezwingen konnte, verursachte schon einen Kloß im Hals. Und auch die steile Holzpyramide von geschätzt 3,50 m Höhe, die man kletternd überwinden musste, hinterlies Eindruck bei mir. Da hätte ich vielleicht doch mal ein bisschen klettern sollen vorher. Die weiteren, im Wald liegenden Hindernisse konnten wir nicht einmal mehr besichtigen, dazu war es schon zu spät. In der Gemeinschaftsunterkunft, einem Fitnessstudio, in der ich übernachtet und die ganz auf das Event eingestellt war, gab der Chef noch Tipps und Tricks für den Folgetag. Insbesondere empfahl er, für die Taucheinlagen im kalten Rudolstädter Schwimmbad eine gute wasserdichte Bademütze zu kaufen. Die 5 Euro, die mich die Kappe kostete, waren in der Tat gut investiert, aber dazu später. 

Die anderen Teilnehmer waren meist ziemlich jung, deutlich jünger als das durchschnittliche Teilnehmerfeld, das man so bei Volksläufen trifft. Die große Mehrzahl der Teilnehmer war in Alterklasse 25-35, davon auch überraschend viele aus dem Fitness- und Kraftsportbereich, mit deutlich mehr Muskelmasse im Oberkörperbereich als die sonst üblichen dünnen Läufertypen.  Am Frühstücktisch saß ich zufällig mit 2 Finishern des Rennsteig Ultramarathons zusammen am Tisch. Sie waren beide der Ansicht: das Rennen hier sei zumindest genauso hart ist wie der Ultramarathon, weil alle Muskeln gefordert sind und man sich das Rennen auch nicht so gut einteilen kann. Schluck das hätte ich nun nicht erwartet. Außerdem hatte es über Nacht geschneit und es lagen ca 5 cm Schnee; die Temperaturen lagen knapp über dem Gefrierpunkt. Zudem wurde bekannt gegeben, dass man das (kalte) Wasser in den zahlreichen Wassergräben -anders als im Vorjahr- nicht nur knie- sondern gleich brusttief eingelassen habe. Ihr ***, das wäre nun nicht auch noch nötig gewesen.  

Auf der gemeinsamen Fahrt mit dem Bus zum Start war richtig was los. Geschminkte Gesichter, Leute in kurzen Laufklamotten und als Krönung, 3 Typen in voller Kampfuniform mit Helm und Splitterschutzweste. Viel Spaß damit! Ich hatte am Oberkörper vier Schichten übereinander, kurzes Funktionsunterhemd, langes Funktionsunterhemd, Trikot mit Armlingen und Weste. An den Beinen hatte ich zunächst zwei Lauftights übereinander, habe mich aber nach kurzem Test auf die wärmere von beiden beschränkt – beides eine gute Wahl, am Körper habe ich – trotz der Nässe- während des ganzen Rennens eigentlich nicht gefroren.  

Beim gemeinsamen Marsch in Richtung der Startlinie war ein bunt gemischtes Feld zu erkennen. Viele waren von weit her angereist, Holländer, Österreicher, Dänen waren um mich herum. Nach einer -für meinen Geschmack - etwas  kitschigen Startzeremonie (das ist nun doch ein Sportwettkampf und kein Gottesdienst) wurde es ernst. Die ersten 100 Meter über die Wiese waren schnell geschafft, es ging in den ersten Wassergraben und der war richtig TIEF. Gleich beim ersten Hindernis Probleme, das geht ja gut los. Mit leichter Anschubhilfe von hinten ging es dann doch wieder raus, beim zweiten Wassergraben fand ich eine etwas flachere Stelle und weiter ging es in Richtung Saale. Das Wasser in den Gräben war kalt, das der Saale eiskalt. Vermutlich war es die Strömung, die an der sog. Schillerquerung recht stark ist, die subjektiv nochmal ein paar Grad zusätzlicher Kälte ausmachte. Es kam hinzu, dass es gerade bei der Flußquerung zu einem Stau kam, sodass ich, der irgendwo in der Mitte des Feldes lag, nur langsam gehen statt laufen konnte. Dadurch dauerte das Durchqueren der Saale nicht nur ein paar Sekunden, sondern gefühlte Minuten. Als ich endlich aus dem Wasser war, habe ich meine Füße nicht mehr gespürt, so kalt waren sie. Dieses Gefühl sollte ich noch mehrmals an diesem Tag bekommen.  

Nach wenigen Minuten kam die nächste Schikane, der Slalom in den früheren Weinbergterrassen – eklig steil und aufgrund des Schnees und der vormir liegenden Läufer auch ziemlich glitschig. Berghoch ging es meist noch, bergrunter war in der Regel mit Laufen nichts zu wollen, man musste auf den Händen, dem Po und den Schuhsolen die Hänge runterrutschen und dies gefühlte 20 Mal. Das war weitaus anstrengender als erwartet. Weiter ging es zum Reifenhindernis. Jeder musste sich einen alten Autoreifen umhängen und 3 Mal einen Berg und wieder runter laufen. Auf dort gab es so steile Teilstücke, dass man berghoch klettern und bergrunter rutschen musste, da die Sohlen keinen ausreichenden Gripp ermöglichten.  

Direkt im Anschluss traf ich zunächst die anderen Mitläufer vom Team Steinmann Renne und kurz danach gab es die erste Verpflegung, etwa bei km 4-5. Normalerweise ignoriere ich so frühe Verpflegungsstellen, wenn es nicht gerade 30 Grad hat, dieses Mal war ich froh darüber, schon dieser erste Teil war sehr hart.  

Danach konnte ich aber vorübergehend meine Stärken ausspielen. Laufen im bergigen Gelände kann ich eigentlich ganz gut, auch wenn der Untergrund manchmal glitschig war. Auf den nun folgenden 12 km habe ich, vor allem bergauf, deutlich mehr überholt als mich überholt haben. Am Ende der Laufstrecke dürfte ich so etwa um Platz 300-350 gelegen haben, denn dort sind meine Mitläufer am Ende gelandet, mit denen ich nach Rudolstadt zurückkehrte.  

Jetzt fing der „Spaß“ aber erst richtig an. Unmittelbar vor der angekündigten früheren „Sturmbahn“ der NVA hatten sich die Macher noch eine unangekündigte Schweinerei einfallen lassen. Sie hatten die beiden Gräben vom Anfang mit einem Verbindungsgraben verbunden und man musste dieses Mal die Gräben nicht nur queren, sondern -einschließlich des Verbindungsstücks- in voller Länge durchlaufen – und die im kalten, brusthohen Saalewasser -  brrr. Das war heftig, auch nach diesen Hinderns waren meine Füße erst mal wieder taub, die sich während des Laufens doch wieder zurückgemeldet hatten.

Es folgte die NVA Sturmbahn, eine Kombination aus Wassergräben, Kriecheinlagen im Schlamm, Kletter- und Hangelhindernissen und zum Abschluss ein Sprung über brennende Heuballen. In der Summe war das zwar schon anstrengend, aber der lange Wassergraben war schlimmer.

Auch die folgende 400 Meter Runde um dem Sportplatz mit dem Sandsack auf der Schulter konnte mich nicht erschüttern, das lief ganz gut. Es folgte das Schwimmbad. Neben den Füßen waren inzwischen meine Hände das Problem. Die Handschuhe waren zwar nicht schlecht, aber klatschnass und die Finger steif. Meine Versuche, mir auf dem Weg zum Schwimmbad Ohrstöpsel einzusetzen, scheiterte. Ich bekam die Dinger mit meinen steifen Fingern nicht in die Ohren eingefädelt. Zum Glück hatte ich aber noch die Badekappe, die konnte ich problemlos aufziehen. Das von allen gefürchtete Tauchhindernis empfand ich nicht als so dramatisch. Ich hatte mir vorgenommen: rein-tauchen-raus, bloss nicht Nachdenken und im Wasser auskühlen. Erster Balken – wusch- zweiter Balken- wusch- dritter Balken –wusch -  am vierten standen zwei andere Läufer und dachten nach, zwischen denen habe ich mich durchgezwängt – vierter und fünfter Balken in einem – wusch- und dann noch die letzten zwei -wusch. Ich sah den Beckenrand und riss den Arm hoch: geschafft! Ich war zwar nass und kalt, aber es hätte schlimmer sein können. Nach einem nervigen, ganz tiefen Sandkriechhindernis (den Sand hatte ich noch im Ziel zwischen den Zähnen) ging es über die erste Kletterrampe und da machten mir meine kalten Finger so richtig Ärger. Ich konnte das Seil zum hochziehen und ablassen nur mit Mühe festhalten und habe viele Plätze verloren.  Einen der Handschuhe bekam ich nicht mehr richtig über die Finger. 

Nach einem Park kam die letzte richtige Wassereinlage: nochmal Saale, nochmal eiskaltes Wasser wg Strömung, nochmal taube Füßen. Daran schloss sich der finale Hindernissparcour an. Die Einleitung war eine gefühlt 100 Meter lange, bestenfalls 50 cm hohe Betonröhre, bestehend aus vier Segmenten, die man kriechend über Kies bewältigen musste. Endlose Weiten des Alls, das hörte nicht auf. Als ich das geschafft hatte, taten die Knie höllisch weh und ich merkte: der Akku ist leer, meine Kraft ist weg und es kommen noch gut 15 Hindernisse, das kann ja heiter werden!

Am nächsten Hindernis begrüßte mich Guido, der hatte es schon geschafft und die Medaille umhängen. Ich dachte immer nur von Hindernis zu Hindernis: eine Rolle zum drüberwerfen, fast abgerutscht, aber drüber, zwei alte Panzer, von einem fast runter gefallen – drüber – ein Müllcontainer mit Wasser – rein und wieder raus, eine schier endlose Reifenstrecke zum drübersteigen, bei der ich bestimmt 10 Mal umgefallen bin - geschafft,  ein paar Autos zu drüberspringen, noch ein paar kleinere Kletterhindernisse  und dann   –   das Ende?  

Eine gut 3 Meter hohe Holzpyramide baute sich vor meinen Augen auf. Die hatte ich schon vorher mit Respekt betrachtet. Im ausgeruhten Zustand wäre das für mich zwar auch eine harte, aber noch knackbare Nuss gewesen. Aber jetzt, mit matschigen Armmuskeln und steif gefrorenen Händen, wie soll ich da drüber kommen? Das wird wohl nix mehr. Ich schaute rauf. Oben in der Mitte stand der „Glatzkopf“, der Cheforganisator Michael Kalinowski, und forderte mich auf es zu versuchen. Na gut, probieren kann man es ja mal. Die Hälfe schaffte ich mit Ach und Krach, aber dann hing ich erst mal im Seil. Und hier zeigte sich der Unterschied zu einem normalen Lauf- oder Radwettkampf. Wären die anderen Teilnehmer so ergebnisfixiert gewesen wie bei „normalen Marathons“ und hätten erst mal auf die eigene Platzierung geschaut, würde ich da vermutlich heute noch hängen. Aber so zog Kalinowski mich von oben, von unten schoben mich zwei völlig unbekannte Mitläufer, ich kämpfte und pumpte wie ein Maikäfer und irgendwann hatte ich ein Bein auf der Kante der Pyramide liegen und hebelte mich drüber – GESCHAFFT! Das Abseilen auf der anderen Seite war mit meinen Matscharmen auch kein Vergnügen, aber es ging. Gerade dieser mannschaftsübergreifende Teamgeist, dieses Gemeinschaftsgefühl, dass man keinen hängen lässt, der sich ersichtlich bemüht, aber es nicht (mehr) schafft sondern ihm hilft, macht rückblickend einen großen Reiz dieser Veranstaltung aus. Es folgten noch einige andere heftige Hindernisse, die ich eins nach dem anderen wie in Trance absolvierte, zum Teil auch mit Unterstützung anderer Teilnehmer und dann ging es auf die finale Kriechstrecke. Nochmal 20 Meter Betonröhre, ich nahm die mittlere, die etwas breiter und höher war. Dass da „Pussy-lane“ drüber stand, war mir in meinem Zustand so was von egal, und dann war nach über 4 Stunden die Ziellinie erreicht. Hurra!  

Im Ziel war ich so fertig, dass ich am ganzen Körper zitterte. Ich bekam eine goldfarbene Wärmedecke übergeworfen und wankte ins Zelt. Dort saß ich mindestens 30 min völlig apathisch, eingehüllt in die Decke, herum, einen geschenkten Kaffee habe ich vor lauter Zittern verschüttet. Selbst für das Ausziehen meiner klatschnassen Klamotten und Strümpfe brauchte ich fremde Hilfe. Nach einem Gel und Tee wurde es dann aber allmählich besser und zu dem Gefühl, jenseits der eigenen Grenzen gegangen zu sein, kam auch der Stolz, es geschafft zu haben.

Mein direkt im Ziel geäußerter Vorsatz: „NIE, NIE wieder“ war schon nach knapp 2 Stunden einem „vielleicht“ gewichen. Sicher ist aber, dass ich dann anders für diese Veranstaltung trainieren muss, falls ich wieder daran teilnehme, allein mit Laufen ist es nicht getan. 

Von rund 1200 Startern (von denen etwas 830 ins Ziel kamen) belegte ich Platz 536 und erreichte somit die erste Hälfte des Teilnehmerfeldes. Für mein Alter -es gab keine Altersklassenwertung- ist das durchaus okay, auch wenn ich auf den drei Hindernisparcours noch über 100 Plätze verloren habe, die ich im Laufen gut gemacht hatte.   

Mit dem Team von „Steinmann Renne“ belegten wir sogar Platz 31 in der Teamwertung.  

Insgesamt war das ein tolles Event, das ich nicht vergessen werde und dies nicht nur wegen der riesigen Finishermedaille.

Wolfgang Kölsch