Nachdem ich bei der Startplatzverlosung für den Berlin Marathon eine Niete gezogen hatte, entschied ich mich, meine Planung auf den Frankfurt Marathon 2014 zu wechseln. Dies hatte den zusätzlichen Vorteil, dass mir eigentlich 4 Wochen Trainingszeit zusätzlich zur Verfügung standen, denn Frankfurt ist 4 Wochen nach Berlin. Leider machte mir aber eine Erkältung, die ich mir Anfang Oktober bei einer Fortbildung in Hannover zuzog einen ziemlichen Strich durch die Rechnung. Eine Woche lag ich im Bett, eine weitere Woche war nur Schmalspurtraining möglich. Das war ganz sicher keine optimale Vorbereitung, auch wenn mir keiner sagen konnte, welche Auswirkungen ein solcher Ausfall genau hat.

Jedenfalls rückte ich vorsorglich ein Stück von meinem Ziel, eine Laufzeit unter 3:30 h zu erreichen, ab. Ich wollte es zwar zunächst einmal versuchen, aber wenn ich nach den Zwischenzeiten bei km 5 oder 10 den Eindruck habe, dass das sehr schwierig wird, sollte nicht die Brechstange zum Einsatz kommen, sondern dann wollte ich entspannt in Richtung 3:40-3.45 h laufen.

 

Am Starttag war ich früh da, ich kannte mich nicht aus und wollte kein Risiko eingehen. Das Wetter war nahezu perfekt für das Vorhabe. Etwa 13-15 Grad, kein Regen, nicht zu kalt, nicht zu warm für einen schnellen Marathon. Dafür war das Startblockprocedere war in Frankfurt, anders als in Berlin oder Hannover ziemlich chaotisch. Da konnte man sich fast hinstellen, wo man wollte, es gab keine klaren Blöcke. Ich stand plötzlich bei den Läufern, die eine Zeit um die 3:15 h angepeilt hatten, das machte sich nach dem Startschuss auch gleich bemerkbar, denn die gingen ab wie die Feuerwehr, so viel bin ich in diesem Jahr noch in keinem Rennen überholt worden.

Überraschenderweise kam mir die Temperatur nach dem Start zunächst sehr warm vor, obwohl das Thermometer keine 15 Grad zeigte. Vermutlich entstand durch die vielen Läufern in den engen Straßen mit den vielen Hochhäusern ringsrum ein Wärmestau, da die Hitze nicht nach oben abzog. Erst nach etwa 5-6 km wurde das besser, als die Straßen breiter und die Häuser niedriger wurden.

Es kam der Kilometer 5 und damit die erste Zeitkontrolle. Bei einer Zielzeit von 3:30 musste ich die 5 km Abschnitte bis km 40 in jeweils knapp unter 25 min laufen. Die Uhr bei km 5 zeigte 24:48 min, passt doch! Ich traute mich sogar, danach das Tempo einen Tick zu erhöhen, um einen kleinen Vorsprung herauszulaufen. Mein Tempo war bis km 30 fast so gleichmäßig wie ein Uhrwerk, die 5 km Splits lagen bei 24:48, 24:33, 24:22, 24.24, 24:20, 24:28, immer schön knapp unterhalb des Zielkorridors.  Bei der Halbmarathonmarkierung und somit dem wichtigsten Check hatte ich gute 3 min Vorsprung . Der Paceläufer mit dem 3:30 Ballon war nicht zu sehen, erste Zuversicht kam auf.   Es kam km 31, die ewig lange Mainzer Landstraße und meine Probleme fingen schlagartig an. Das erste war relativ trivial. Ich "musste" mal. Also ab in eins der Dixies, die regelmäßig am Streckenrand standen, aber das dauerte ewig, die Nervosität machte mir einen Strich durch die Rechnung. Als ich wieder auf der Strecke war, fand ich mich bei den Läufern wieder, die ich etwa bei km 20-25 überholt hatte. So ein MIst! Der schöne Vorsprung war deutlich geschrumpft.

Was tun? Ich entschied mich dazu, das Tempo spürbar zu erhöhen, wahrscheinlich rückblickend gesehen keine gute Entscheidung, denn ich lief dadurch vermutlich doch zu schnell, verbrauchte zuviel Kraft und dies im heiklen Segment zwischen km 30 und 35, wo der Marathon erst so richtig beginnt.

Zwar hatte ich bei km 35 ich den Zeitverlust durch den Dixiebesuch fast wieder aufgeholt (Splitzeit 25:05) aber jetzt spürte ich meine Füße doch deutlich. 2 km lang konnte ich das noch relativ gut ignorieren, aber dann kamen bei km 37-38 die Schmerzen. Zwischen den Hochhäusern der City, die wieder erreicht waren, brannten meine Füße und auch die Waden wie die Hölle und ich wäre am liebsten kurze Stücke gegangen. Aber das ging nicht, dazu war der Vorsprung zu sehr geschrumpft. Also musste ich mich durchquälen, Erinnerungen an das Timmelsjoch beim Ötzi kamen auf, da ging es mir ähnlich mies.

Es kam die letzte Zeitkontrolle vor dem Ziel bei km 40. Ein banger Blick auf die Uhr: 25:20 min für die letzten 5 km, ergo Zeit verloren, ja, aber immer noch rund 2 Minuten Vorsprung auf die geplante Zwischenzeit, da ist doch noch alles drin! Noch schnell zwei Becher Isogetränk an der letzten Verpflegung in den Rachen geschüttet, eigentlich wollte ich Cola oder Red Bull trinken, aber das war wg Tunnelblick nicht zu sehen

… und dann nur noch laufen, laufen, laufen, was die Beine noch hergeben...

Der Puls war fast am Anschlag, auf die Paceanzeige der Uhr wollte ich nicht mehr schauen, ich hatte eh keine Reserven mehr, entweder es reicht jetzt oder eben nicht. Kurz hinter km 41 überholte mich eine Gruppe Spanier im Nationaltrikot, die zogen das Tempo nochmal einen Tick hoch, aber diese blöde Messeturm kam nicht näher, der letzte Kilometer zog sich wie Kaugummi.

Endlich war die Abzweigung, bei km 42 geschafft und der Eingang zur Messehalle mit dem doch einzigartigen Zielambiente war in Sichtweite. Ein banger Blick zur Uhr:  Zeit verloren, aber nicht zu viel. Endspurt durch die Halle, die Zeit blieb bei 3:28:49 stehen, ich hatte meine Zielzeit fast punktgenau erreicht und war superhappy. 3 Monate intensives Training hatten sich ausgezahlt. Damit hatte das Sportjahr 2014 ein ausgesprochen erfreuliches Ende genommen und im Jahr 2015 soll jetzt die 3:20 als nächstes Ziel fallen. Dieses Jahr konnte ich mich um mehr als eine halbe Stunde verbessern, denn meine Zeit in Berlin lag noch knapp über 4 h.

Wolfgang Kölsch